Ein Weihnachtsbrief

Lieber Max Mustermann (Name von mir geändert), Wir haben uns gestern gemäß unserer Familientradition einen halbjährlichen politischen Schlagabtausch geliefert, der mich seither nicht wieder losläßt. Im Grunde könnte ich ihn in einem Satz zusammenfassen: Du hast die PEGIDA und ich habe damit ein echtes Problem. Wir redeten und stritten fast 2 Stunden darüber, während denen du immer lauter wurdest und ich gleichbleibend, aber unnachgiebig Fragen stellte, dir widersprach und dich letztendlich mit einem etwas ungelenken Hinweis auf Hitler und das dritte Reich dazu brachte, dich beleidigt zurückzuziehen. Gewonnen habe ich dadurch nichts. Im Gegenteil habe ich dadurch meine Chancen, mich mit dir über dieses Thema zu unterhalten, verringert. Ich weiß, dass du gern und viel liest, und vielleicht liest du ja diesen Brief – ich werde ihn dir zumindest zuschicken. Es war schwierig sich mit dir zu streiten, da du für Fakten und Zahlen kaum zugänglich warst. Du wurdest lauter, wütender und je länger wir diskutierten, desto wirrer und sprunghafter wurde deine Argumentation. Ich habe viel nachgedacht und möchte versuchen deine Aussagen etwas zu ordnen. Wie geht es dir also, der, der du die PEGIDA hast? Du bist frustriert. Du hast Jahre lang 30% deines Gehalts an unseren Staat bezahlt. Jetzt, da du in Rente bist, verfügst du über weniger Einkommen als früher. Das fühlt sich sicher ungerecht an. Die Malocherei, die du auf dich genommen hast, hat sich für dich nicht gelohnt. Du hast nichts davon zurückbekommen, außer einen Tritt in den Allerwertesten. Du bist wütend auf die Politikmenschen. Du siehst dich nicht repräsentiert, deine Steuergelder wurden verschwendet und für teuere Dinge, die diese “Menschen ohne Bezug zur Realität” beschließen, ausgegeben. Du bist wütend, weil die Politikmenschen nur am Erhalt ihrer Macht interessiert sind. Du bist wütend auf die Menschheit. Nach tausenden Jahren voller kluger Köpfe, Kriege und Tod müssten wir es ja alle besser wissen. Aber der Mensch weiß es, so sagst du, nicht besser, es ginge ihm nur um Macht. Es wäre nur konsequent, dass der Mensch sich selbst vernichtet, der Erde ginge es besser. Du bist ängstlich. Du hast Angst um deine Existenz. Als du gearbeitet hast, war es nie genug Geld, das du verdient hast, und jetzt ist es noch mehr so, wo du Rente beziehst. Du bist wütend auf andere EU-Länder. Hier in Deutschland fehlt es an Geld für Bildung, Arbeit und Infrastruktur, während wirtschaftsschwache Länger wie Griechenland oder verbrecherische Banken “hochgepäppelt” werden, und ein nach paar Wochen/Tagen aufgeregter Schlagzeilen in der Tagespresse hört man nichts weiter darüber. Du bist wütend auf die USA, die “ihre Wirtschaft mit Kriegen am Leben erhalten”, die den nahen und fernen Osten mit Kriegen überziehen und “wir Deutschen” dürfen es mit ausbaden. Du bist wütend über die Presse, die nicht umfassend, kritisch genug und langanhaltend über Geschehnisse berichtet. Außerdem stellt sie die PEGIDA einseitig da. Überhaupt ist die Presse ohnehin nur an Schlagzeilen interessiert. Und daran, mit dem Finger auf einfache Menschen zu zeigen, deren Sorgen verständlich sind. Du bist ängstlich, weil du Menschen auf der Straße mit anderer Hautfarbe,[…]

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Weihnachtsnebel

Es wird noch einen richtigen Jahresrückblickspost geben, dennoch wird jetzt, so kurz vor Weihnachten die Welt um mich leicht surreal. EinkaufsjüngerInnen pilgern zu Primark in die Shoppingtempel. Glühwein unter freiem, regnerischem Himmel. irgendwas-Abschiedsessen in Restaurants. Unser Büro ist nun woanders. Wir haben eine Rezeption. Ich beantworte Mails mit Tips für Hotels in Stuttgart für meine amerikanischen Kollegen. Man wünscht sich schöne Festtage, hofft auf einen guten Rutsch. Und ich sitze in einem halb leeren Wohnzimmer, zünde Räucherstäbchen an und fahre über die Feiertage zu meinen Eltern. Ich schlage Einladungen aus – Schlittschuhlaufen, Kino, Feiern gehen. Ich sitze nicht unter einem Stein, bin in keiner Höhle, doch ganz da bin ich nicht. Dafür ist klar, wo der Lebensmittelpunkt ist: hier. Herrenberg. Zumindest bis zum Sommer. Um mich ist alles wie in Nebel, ich habe mich und mein Herz, mein Sein in Watte verpackt. Es ist manchmal einsam, ziemlich oft, wenn ich ehrlich bin. Kein Zustand für immer?! Für den Moment jedoch genau das, was ich will.

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Der Moment…

…wenn du leer im leergeräumten Wohnzimmer stehst, nur 2 Teelichter Licht den Raum erleuchten und es ganz still ist. Du möchtest ein Räucherstäbchen anzünden, kruschtelst in dem Haufen auf dem Boden nach der blauen Packung Nagchampa und zündest sie an einem der Teelichter an. Die blaue Packung ist eine Wunderkerzenpackung und du hast es nicht bemerkt. Die Funken sprühen und draußen ertönt das Carillon und spielt Freude schöner Götterfunken. Du lachst – Tragikomik.

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Auf dem Weg

Die letzten Tage befinde ich mich wieder mal unterwegs. Irgendwie scheint die zweite Hälfte des Jahres wirklich unter dem Motto On The Road zu stehen. Ich hatte bisher außer Urlauben und einem Konferenz-/Tech-Event hier und da nicht die Situation regelmäßig, beinahe wöchentlich zu reisen. Seit September jedoch bin ich doch so viel unterwegs, dass ich langsam den Überblick verliere und durch die 3 Monate in Zügen, Flugzeugen, Autos und fremden Betten den Heimatsbezug etwas verloren zu haben scheine. Ich möchte gar nicht wissen, wie es sich für Menschen anfühlt, dauerhaft über Jahre hin so aus dem Koffer zu leben. Mit mir macht es jedenfalls nichts Gutes. Ich fühle mich selbst, wenn ich die anderen Veränderungen verdränge (geht das überhaupt?) oder außen vor lasse, schon nicht sehr wohl und sicher. Wo mein Zuhause ist? Herrenberg, irgendwie. Gießen, ein bisschen. So richtig: nirgendwo. PS: Hier mal eine Liste (jeder Trip ist zwischen 2 und 5 Tage lang gewesen): Ende August: Berlin Anfang September: Berlin Dazwischen: Wochenenden in Gießen Anfang Oktober: USA und Kanada (8 Tage) Dazwischen: Wochenende in Gießen Ende Oktober: Berlin Dazwischen: Wochenende in Gießen Ende November: Berlin Dazwischen: Wochenende in Gießen Anfang Dezember: USA

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